Unser Narrentanz

Der Eigensinn des Nüsselns

Der federnde Hüpftanz gilt als echt schwyzerisch. Was er für die Schwyzer bedeutet, brachte 1926 ein Zeitungsschreiber auf den Punkt:

Mummenschanz und fröhliches Fastnochtstreiben waren von jeher die Freude des jungen und auch des ältem Schwyzervolkes. Der sogenannte 'Narrentonz' oder das Nüsseln bildeten sich sogar als ureigenster Fastnachtsbrauch im 'alten Lande' aus und die 'Narren', alt und jung, tanzten unermüdlich den eigenartigen Tanz in rhythmischem Trommelschlag. Das gute alte Nüsseln wäre uns im neuem modernen Fastnachts- und Huditreiben bald verloren gegangen, wenn nicht die Geselischaft zur Hebung alter Fasnachtssitten und Gebräuche sich die Mühe gäbe, die jungen Leute zur Erhaltung dieses alten schönen Fasnachtsbrauches heranzuziehen.

Als «ureigenst» wird der Narrentanz bezeichnet. Und das ist ja wahr: Der von Wirbeln durchsetzte Rhythmus mit seinen immer wiederkehrenden Takten, den die Trommler schlagen, lässt zwar deutlich seine Gesetzmässigkeit erkennen, mag irgendwo jenem der Polka gleichen - aber sich einer bestimmten Taktart ganz genau fügen, das will er nicht.

Original seien die Masken, «ureigenst» der Narrentanz - was heisst das? Versuchen wir, dieser Frage etwas auf die Spur zu kommen: 

Überbleibsel aus der mittelalterlichen Fasnacht?

Es sind nur wenige Elemente im Schwyzer Maskentreiben von heute, die wie Überreste einer ganz frühen, also spätmittelalterlichen Fasnacht wirken. Damit sei überhaupt nicht behauptet, sie seien es auch tatsächlich, da die Wege, auf denen solche Fasnachtselemente (zum Beispiel von den Städten her) Eingang in Schwyz gefunden haben, nicht mehr rekonstruiert werden können:

Der Teufel zum Beispiel, der gelegentlich in der Rott auftaucht, kann hier genannt werden; er war in den Anfängen der europäischen und der eidgenössischen Fasnacht, also im Spätmittelalter, die wichtigste Gestalt. Aber wir haben ja schon gesagt: unser heutiger Schwyzer Teufel ist bemerkenswerterweise nur eine Randfigur, die wohl kaum mehr sehr ausgeprägt als die \/erkörperung des bösen Prinzips erlebt wird, es sei denn von geängstigten Kindern.

Auch die Fasnachtsfigur des Bauern, die sich vor 500 Jahren grosser Beliebtheit erfreute, hat in der Schwyzer Rott heute nicht mehr die zentrale Stellung wie in der spätmitteialterlichen Fasnachtsszenerie. Ein Überbleibsel aus der spätmittelalterlichen Fasnacht mag sein, was die heutigen Narren tun. Sie gehen in die Wirtshäuser, um zu «intrigieren»; das heisst in diesem fasnächtlichen Fall: Sie sprechen die Leute an und witzeln gleichzeitig, sie schimpfen und tadeln dabei auch - hier, so kann man ja behaupten, feiern alte Rügebräuche fröhliche Urständ. Nicht zuletzt weil man so mal die Meinung sagen kann, in was für einer verschlüsselten Form auch immer, ist die Fasnacht heute noch - ähnlich wie früher, aber wohl in abgeschwächter Form - eine Entlastung vom Alltag. 

Uralt?

Den Narrentanz hielt man aber schon bald darauf, jedenfalls noch im 19.Jahrhundert, für «uralt». Es gab auch Klagen, dass er «von Jahr zu Jahr immer mehr in Abgang gekommen» sei. Anno 1890 wurde zum ersten Mal ein «Preisnüsslet» organisiert, wobei in einer mit «Fasnachtsport» betitelten Zeitungseinsendung betont wurde, man wolle damit den Narrentanz als Tradition weitererhalten: «Damit unter der Jungmannschaft der in Schwyz von jeher hochgehaltene alte Maskentanz von Neuem zu Ehren gezogen werde, und auch um die geübtesten und elegantesten Meister zu einer Wettübung zu veranlassen, findet am nächsten Schmutzigen Donnerstag in Schwyz ein Preis-Nüsslet statt. Wie aus dem Inserate in unserm Blatte hervorgeht, werden für die besten Nüssler schöne Preise bis auf 15 Fr. ausgesetzt. Die Zutheilung der Prämien erfolgt durch ein unparteiisches Preisgericht. Jung und Alt in unserm Lande wird der interessanten, preisgekrönten Tanzübung mit Theilnahme folgen»

Zuweilen werden der Narrentanz und die Schwyzer Masken gar ins Heidnische zurückverlegt, mit germanischen Toten- und Fruchtbarkeitskulten in Verbindung gebracht.

Doch wie? Dass in grauer Vorzeit die Menschen im Zusammenhang mit Tanzritualen und Masken an geheimnisvolle seelische Mächte und Gewalten geglaubt hatten, an Kräfte, die irgendwelche germanische oder auch eine andere Zauberkunst ermöglichten oder Geister und Dämonen bannen konnten, Ahnen und Tote beschwerten, für Fruchtbarkeit zuständig waren und den Winter austreiben sollten ... - mag ja sein. Aber wirklich beweisen kann man nichts; eine kontinuierliche Entwicklung von dieser grauen Vorzeit bis zur heutigen Schwyzer Fasnacht lässt sich nicht aufzeigen, die ausreichenden Belegketten fehlen.

Text u.a. aus «das verrückte Dorf - das verkehrte Dorf» von Daniel Annen.