Geschichte

Die Nüssler und ihre Verwandten

Das Holz des Nussbaums und die Nuss als Nahrungsmittel und Öllieferant hatten über Jahrhunderte grosse Bedeutung. So verlangten Klöster und andere Landbesitzer den «Nusszehnten» - und Nüsse spielten auch im Brauchtum ihre Rolle, nicht zuletzt an der Fasnacht: Die Schwyzer «Nüssler» sollen von ihnen den Namen erhalten haben. «Nusswerfer» gab es aber auch am Nürnberger Schembartlauf. Und die «Nusser» von Bad Aussee in der Steiermark sind womöglich mit dem «Blätz» verwandt.
Da es nichts Verbürgtes gibt, lautet wiederholt die Frage: Woher stammt und was bedeutet eigentlich der Name «Nüssler» und sein eigenwilliger Hüpf-Tanz, das «Nüsslen» oder der «Nüsslet»? Nachgewiesen ist nur, dass die Obrigkeit etwa im Jahre 1717 ein Trommelverbot wegen Nachtruhestörung beschloss oder 1724 den Maskeraden und Trommlern untersagte, sich an der Fasnacht auf der Tanzdiele im Schwyzer Rathaus aufzuhalten. Ob damals der Narrentanz getrommelt und dazu genüsselt wurde, ist nicht bekannt. Immerhin berichtet Jahre später der «Bote der Urschweiz», dass an der Fasnacht 1883 auf den Tanzböden ein «ziemlich reges Leben» geherrscht habe, «aber das sonst beliebte Nüsseln nicht in Fluss kommen wollte».


Eine kleine Spurensuche

Das Schweizer Mundartwörterbuch (Idiotikon) vermerkt unter «nüssle» das «als Maske herumgehen und Nüsse, Mandeln, Konfekt auswerfen, so an der Fastnacht, am St. Antonitag, Schmutzigen Donnerstag und Güdelmändig» in Schwyz. Dieser Erklärung entspricht etwa die mündliche Überlieferung, dass die Maskeraden in früheren Zeiten Nüsse und Äpfel anstelle der heutigen Orangen, «Mutschli» und «Füürschtäi» verteilt hätten. In einer anderen Deutung des Namens «Nüssler» will der Volksmund sogar wissen, dass der «Blätz» früher am Gurt nicht Kreuzglocken, sondern hohle Nüsse befestigt hatte, in denen Steine beim Tanzen schepperten. Alle noch so sonderbaren Mutmassungen weisen letztlich darauf hin, dass die (Baum-)Nuss offenbar eine besondere Bedeutung hatte. Dieser Umstand weist denn auch den Weg für eine kleine Spurensuche nach dem Stellenwert der Baumnuss oder Wallnuss in früheren Jahrhunderten: In der Wirtschaft und im Alltag, im Inland und Ausland, im Brauchtum und in der Volksmagie.


Nusszehnten für Muri und Einsiedeln

Schon früh wurde im Lande Schwyz in das Berggebiet expandiert. So entstanden zwischen Tal und Alpen, im unmittelbaren Rodungsgebiet, nach und nach Weideplätze, später eigentliche Viehhöfe mit Sennereien, die so genannten Schweigen. Grosse Viehhöfe (Schweigen) besassen das Haus Habsburg in Arth und Steinen, das Kloster Muri in Küssnacht und Gersau und das Kloster Einsiedeln vermutlich in Schwyz, sicher aber im Sihl- und Alptal. Wer eine Schweig zu Lehen hatte, musste dafür eine Abgabe, einen Zins oder «Zehnten» entrichten. So ist beispielsweise schon aus dem 15. Jahrhundert dokumentiert, dass die Schweigen dem Kloster Einsiedeln jährlich je eine Kuh, ein Kalb, Anken und Ziger abzuliefern hatten, wofür sie als Gegenentgelt «zur Fasnachtszeit je dreieinhalb Mütt (eine Mütt etwa 100 Liter) Kernen oder ein Stauf Wein (Saum, etwa 180 Liter), zwei Hofbrötchen, eine Schüssel Bohnen, Schweinefleisch und Nüsse erhielten. Ganz anders in Gersau: Hier begünstigte das milde Klima den Obstbau, sodass unter anderem auch Nüsse als Klosterzehnten (Zins) an das Kloster Muri abgeliefert worden mussten. Oder im Jahre 1729 ist ein «Nusszehnten» von der Allmeind Erlen in Ibach an die Pfarrkirche Schwyz nachgewiesen.


Nüsse als Oellieferant

Nicht nur im inneren Land Schwyz, sondern auch in der March und Höfe waren schon Mitte des 14. Jahrhunderts viele Nussbäume anzutreffen. Auch hier gehörte der «Nusszehnten» dem Kloster Einsiedeln. So war im Spätmittelalter und Jahrhunderte danach der Nussbaum in allen Talschaften weit verbreitet. Als gut haltbares Nahrungsmittel war die Nuss von grosser Bedeutung, ebenso als Öllieferant. Beleg dafür sind mehrere Reibmühlen (Riibi) und eine Ölmühle (Öli) am Dorfbach im Kantonshauptort, wo neben Hanf, Flachs und Kernen auch ölhaltige Früchte, vor allem Nüsse, gerieben und gepresst wurden.
Die damalige Bedeutung der Baumnuss in Hof und Haus dokumentiert Alois Dettling in seinem Geschichtskalender. Mitte des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts verbietet der (Land-)Rat gleich mehrmals das Schütteln, Abreissen, Auflesen und Aufschlagen der Nüsse auf den Allmeinden, und zwar unter Androhung einer Geldbusse oder sogar der Blossstellung in der Trülle. Darüber hinaus gab es noch andere behördliche Weisungen, etwa das Verbot des Verkaufs von Nussbäumen ausser Landes (1754) oder eine Weisung für die Pflanzung von Nussbäumen oder für die Nuss-Ernte in der Erlen bei Ibach-Schwyz.


Nussbaumholz für Spekulanten

Einige Zeit später, 1835, hält Gerold Meyer von Knonau in seinem «Gemälde der Schweiz, Kanton Schwyz» fest: «Die Nussbäume erscheinen überall, wo die Höhe ihren Anbau noch gestattet, doch ist nur zu gewiss, dass ihre Zahl stark abgenommen hat, indem mancher Gutsbesitzer teils wegen des Schadens, den der Nussbaum in seinen nächsten Umgebungen durch Schatten und Wurzeln den Pflanzungen verursacht, theils wegen des Misswuchses mehrere Jahre, theils aus Geldnot (weil dass Nussbaumholz in hohem Preis stand), diese schönen Bäume umhauen liess.» Und weiter hält er es für bedeutsam, auf das Detail hinzuweisen, dass «in einem Klosterhofe von Einsiedeln der einzige Nussbaum des Bezirkes steht. 1834 trug er Früchte.» Was Gerold Meyer von Knonau damals vermerkt, bestätigt Felix Donat Kyd aus Brunnen in seinen Aufzeichnungen: «Die Nussbäume in unserem Land ( ... ) sind seit etwa 15 Jahren und dato 1856 von einem Gewehrfabrikant Simonis durch seinen Geschäftsmann Johannes Bauwelink, dermal wohnhaft in Sarnen, so ungemein aufgekauft worden, dass im ganzen Land kein einziger schöner gradstämmiger grosser Nussbaum mehr zu finden ist. Daran doch vorher zur malerischen Zierde des Landes überall gar. Es kam aber dafür eine grosse Summe Geld ins Land...».


Nusswerfer in Nürnberg

Bild rechts: Der wohl am besten dokumentierte Fasnachtsbrauch des Spätmittelalters: Der Nürnberger Schembartlauf (Schema = Maske) begann jeweils mit dem Ausritt des Nusswerfers. Die Zuschauer jagten den Nüssen nach wie heute an der Fasnacht die Kinder den Orangen und «Füürschtei».

Alle diese Daten und Fakten erhärten die Annahme, dass Nussbaum und Baumnuss im Lande Schwyz über Jahrhunderte einen hohen Stellenwert hatten. Ihre Bedeutung wird deshalb auch rund um das Brauchtum verständlich, war es einst das Verteilen von Nüssen an der Fasnacht oder heute das Schleuken von Nüssen an St. Nikolaus und St. Michael. Zudem zeigt ein Blick über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus, dass die Baumnuss auch anderswo ihre besondere Rolle spielte.
Aus dem 16. Jahrhundert ist in Den Haag ein doppelseitiges Fragment einer niederländischen Fasnachtsschrift überliefert, wo Fasnachts- und Fastensymbole, vor allem in Form typischer Speisen, die Noten eines Karnevalsliedes bilden. Dabei fällt auf, dass den verschwenderischen Fanachtsspeisen wie Schinken, Speck, Eier, Weingefässe usw. karge Fastenspeisen gegenüberstehen: Fische, Muscheln, Feigen, Rüben usw. - und natürlich Nüsse!
In die gleiche Zeit oder sogar weiter zurück reicht der umfassend dokumentierte «Nürnberger Schembartlauf», der Fasnachtsbrauch mit Aufzug und Tanz der städtischen Metzgerzunft. Dieser gigantische Umzug begann jeweils mit dem Ausritt des «Nusswerfers», wobei die Zuschauer sich auf die Nüsse wie heute auf die Bonbons stürzten, die ihnen damals der Reiter vom Pferd oder die Maskierten von den Umzugswagen aus zugeworfen haben.
Sucht man heute in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht nach weiteren Gestalten mit Bezügen zur Baumnuss, dann ist es der «Nussschalenhansel» der Narrenzunft Wolfach im Kinzigtal. Seine Vorfahren reichen ins Mittelalter zurück und sollen im Kultischen zu suchen sein, als noch mit Naturprodukten irgendwelche Zauber- und Tiergestalten oder sogar Naturgewalten dargestellt wurden. Hier ist es das Gewand (Häs), das mit rund 3000 halben Nussschalen belegt ist, als Fasnachtsfigur jedoch erst um 1960 wieder neu gestaltet wurde.


Der "Nusser" aus der Steiermark

Frappante Bezüge zu den «Nüsslern» in Schwyz, Steinen, Brunnen und Unterägeri haben wohl die « Flinserl » aus Bad Aussee in der Steiermark. Der Volksmund nennt die österreichischen Narren nicht nur «Nusser», sondern sie tragen in weissen Säcken tatsächlich heute noch Nüsse und Früchte mit sich, um welche die Kinder mit Geschrei und Sprüchen betteln. Also wird auch hier «ggüüsset», anstelle des schwyzerischen «Sind-so-guet» dem Maskeraden aber ein deftiger Vierzeiler zugerufen!
Das Kleid des «Flinserl» besteht aus Rohleinen, auf das farbige Tuchflecken (Blätzli) zu einem bunten Ornament aufgenäht sind. Die verschiedenen Figuren wie Blumen, Vögel, Herzen, Männchen usw. wurden in jüngerer Zeit zusätzlich mit glänzenden Silberplättchen verziert. Bei den «Flinserln» wird zudem zwischen «Mandl» und «Weibl» unterschieden. Tatsächlich steckt unter dem Rock denn auch eine Frau und in den Hosen ein Mann! Beiden Figuren gleich ist die exotische Tuchmaske und der Spitzhut mit einem Büschel Rauschgold. Weder Alter noch Herkunft sind genau bekannt, doch sollen Ausseer Salzfahrer die Flitterkostüme aus Venedig mitgebracht haben.
Der Vergleich liegt nahe. Auch die Schwyzer importierten ihren «Blätz» aus Venedig, stammt er doch zweifelsfrei von der Harlekin-Figur (Arleccino) der Comedia dell' arte ab. In Schwyz also die Welsch-landfahrten mit Vieh und Käse auf dem Weg nach Venedig, in Bad Aussee der Salzhandel mit dem selben Ziel. Sogar die gabenspendende Maskerade aus dem Salzkammergut zeigt hier Parallelen zum Schwyzer Fasnachtsbrauch. Und die Brunner Nüssler werden feststellen, dass ihr exklusives «Blätzmältl!» über die Landesgrenzen hinaus im «Weibl» der Flinserl doch eine Schwester hat!


Nüsseln auf Plattdeutsch...

Diese kleine Spurensuche nach dem Namen «Nüssler» zeigt, dass dem Eigenständigen, Unverwechselbaren und Sonderbaren gewisse Grenzen gesetzt sind, ja da und dort augenfällig Verwandtes zu finden ist. So haben früher die Narren der Alt-Fischerzunft von Laufenburg im Aargau wie die Schwyzer Nüssler neben Wurst und Weggen auch Nüsse ausgeworfen; sie sind jetzt ebenfalls durch Orangen ersetzt worden. - Und übrigens gibt es den Begriff «nüsseln» sogar in nord- deutschen Landen, genauer im ostfriesischen Plattdeutsch. Nur heisst dort «nüsseln» doppeldeutig «faulenzen» oder «ausnüchtern»!  


Altes Nussspiel

Um Neujahr und Fasnacht gab es einst ein beliebtes Gesellschaftsspiel mit Nüssen: «Jeder Teilnehmer legt vor sich auf den Tisch vier Nüsse zur linken und fünf zur rechten Hand oder auch links eine, rechts drei und mitten zwei. Das ist sein (An-)Satz. Nun teilt jeder der Reihe nach das eine seiner Häufchen nach rechts hin aus, indem er, so weit er damit reicht, zu jedem Häufchen eine Nuss hinzulegt. Entsteht mit dem letzten Stück ein Häufchen von zwei oder vier Nüssen, so sackt er dieselben als Gewinn ein und dazu alle anstossenden Häufchen, sofern sie ein Pärli (zwei Nüsse) oder einen Hock (vier Nüsse) bilden.» (Idiotikon)


Magische Nüsse

Der Walnussbaum galt schon in der Antike als Hexenbaum. Wer sich in seinen Schatten legte, der nahm Schaden und starb noch im selben Jahr. Dafür hielt ein Nussbaumzweig an der Tür den bösen Zauber fern. Vor Zahnweh war das ganze Jahr geschützt, wer in Nüsse biss, die im Johannisfeuer angekohlt wurden. Nüsse dienten aber auch als Orakel: Verliebte legten an Weihnachten zwei Nussschalen in eine Schüssel mit Wasser. Schwammen die Schalen aufeinander zu und berührten sich, war das ein gutes Zeichen, wenn nicht, sollte die Verbindung nicht lange dauern! Die Nuss war immer auch ein Fruchtbarkeitssymbol: Bringt heute noch ein Jahr viele Nüsse, dann gibt es unter den Geburten viele Buben! Magisches rund um Nüsse vermuten Archäologen auch im alemannischen Frauengrab aus der Zeit um 700, das sie 1965/66 in der Schwyzer Pfarrkirche entdeckten: Die verkohlten Grabbeigaben enthielten auch Haselnüsse, was einen alten Totenkult vermuten lässt.

Quellen:
Text von Hans Steinegger erschienen Bote der Urschweiz 14. Feb. 2004.
Werner Metzger, Das grosse Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnacht; Narrenidee und Fasnachtsbrauch. Günther Kapfhammer, Brauchtum in den Alpenländern; Dietz-Rüdiger Moser, Fastnacht - Fasching - Karneval.